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Die Marte Meo Methode in der Altenpflege

„Wenn man einmal am Tag einen etwas besseren Moment hat, hat man ein etwas besseres Leben“
Die Marte Meo Methode von Maria Aarts in der Alten-, Kranken- und Behindertenpflege, besonders mit traumatisierten alten Menschen

Mein Name ist Sonja Schlegel, ich bin Diplom Sozialarbeiterin und Marte Meo Therapeutin und ich arbeite seit 20 Jahren mit Überlebenden des NS-Regimes. In erster Linie habe ich viele Jahre Beratung zu Entschädigungsfragen gemacht. Erst ab 2003 habe ich mich im Rahmen meiner Arbeit mit den Folgen der Traumatisierung im Alter beschäftigt.

2004 und 2005 habe ich Tagungen organisiert und veranstaltet, die die Beschäftigten in der Altenpflege und Altenhilfe mit der Existenz und den Problemen der NS-Verfolgten in Deutschland bekannt machen sollten. Auch Petra Vollmer hat auf dieser Tagung die Erfahrungen des Pflegedienstes "Solidarische Hilfe im Alter" berichtet. In Deutschland herrscht das Problem der Leugnung der Existenz der NS-Verfolgten. "Leben die denn noch?" bin ich schon 1990 gefragt worden. Oder: "Leben die denn nicht alle in Israel oder in Osteuropa?" Dabei stellte sich dann während unserer Informationsveranstaltungen in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens zwischen 2005 und 2007 heraus, dass viele Pflegekräfte schon NS-Verfolgten begegnet sind, die an Retraumatisierung oder Traumawiederkehr litten, oft ausgelöst durch Unwissenheit bei Pflegehandlungen. Um dem etwas abzuhelfen, haben wir ein Handbuch für Pflegende verfasst.

Bei der Ausbildung zur Marte Meo Therapeutin stellte ich dann schnell fest, dass diese Methode ganz besonders geeignet ist, die Kommunikation mit den empfindlichen, misstrauischen und verunsicherten Überlebenden zu unterstützen. In dem 2005 in Köln eingerichteten Erzähl- und Begegnungscafé für NS-Verfolgte war es eine probate Methode, um junge Freiwillige zu trainieren, in einen guten Kontakt mit den Cafégästen zu kommen und schöne Momente miteinander zu teilen. Auch die Freiwilligen des Besuchsdienstes nahmen das Trainingsangebot gern an.

Daher habe ich mich entschieden, Ihnen diese Methode heute vorzustellen und würde mich freuen, wenn Sie einen möglichen Nutzen für Ihre Arbeit erkennen.

Der Film, aus dem ich Ihnen heute anhand von Ausschnitten einige Elemente der Marte Meo Methode vorstelle, wurde in einer Tagespflegeinrichtung aufgenommen.
Frau M. leidet an Demenz und zudem noch an den Folgen eines Schlaganfalles. Schluckbeschwerden hindern sie an genussvollem Essen, sie fürchtet sich vor Hustenanfällen. Daher sind die Mahlzeiten in der Tagespflegeeinrichtung in K. statt eines gemütlichen Höhepunktes des Tages eher ein gefürchtetes Ereignis. Der freundliche Altenpfleger ist der Verzweiflung nahe. Das Essen-Anreichen bei Frau M. ist konflikthaft und dauert lang.

Als ich in dieser Einrichtung die Marte Meo Methode vorstellte, war Herr Z. schnell bereit, sich von mir beraten und begleiten zu lassen. Nach drei Videoberatungen war der Erfolg beeindruckend: Frau Ms Gesichtsausdruck hatte sich völlig verändert, sie schaute dem Essen und Herrn Z. erwartungsvoll entgegen, sie lächelte und konnte einen Dialog mitgestalten, sie aß mit geringer Unterstützung wieder allein und freute sich sogar über einen Nachtisch. Natürlich kann die Arbeit mit MarteMeo nicht die Schluckbeschwerden beseitigen, jedoch hilft die entspannte Atmosphäre dabei, sie erheblich zu lindern.

Ähnliche Beispiele begeisterten auch die fast 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Tagung am 29. September 2009 des Seniorenzentrums am Haarbach in Aachen. Die Niederländerin Maria Aarts, die Begründerin dieser beeindruckenden Methode faszinierte die AltenpflegerInnen, Vertreter des MDK, der Krankenkassen und der Alzheimer Gesellschaft mit Filmbespielen aus der Alten- und Behindertenpflege aus Dänemark, Norwegen, Deutschland  und der Schweiz.
Heute wird die Marte Meo Methode in 37 Ländern der Erde angewandt und unterrichtet, das neueste Land ist Peru.

„Wie hast Du es geschafft, zu meinem kleinen Jungen ein Verhältnis aufzubauen, kannst Du mir das nicht beibringen? “, diese bewegende Frage der Mutter eines autistischen Jungen war 1974 die Initialzündung für Maria Aarts, die zu dieser Zeit in einem Kinderpsychiatrischen Heim in den Niederlanden arbeitete.
So begann ein langer Weg, bei dem Maria Aarts ihre langjährigen Beobachtungen bei Familien und Kindern mit speziellen Bedürfnissen systematisierte, reflektierte und zu einer mit Videobildern erlernbaren Methode für alle schuf: z. B. für Teenagermütter, psychisch kranke Eltern, Eltern mit Schreibabys, Eltern mit ADHS-Kindern, Adoptiv- und Pflegeeltern usw.
Marte Meo hatte lange schon seinen Siegeszug durch die Welt angetreten, als eine von Maria Aarts ausgebildete Therapeutin sie Anfang des Jahres 2000 um Unterstützung im Umgang mit ihrem demenzkranken Vater bat. „Da war ich verloren, es sind so verletzbare Leute, diese demenzerkrankten Menschen“, erklärte sie ihre Bereitschaft, die Marte Meo Methode auch für Demenzerkrankte, ihre Angehörigen und die in der Altenhilfe Beschäftigen zu übertragen.

Mittlerweile haben sich die segensreichen Folgen der Marte Meo Methode in der Altenhilfe schon wissenschaftlich nachweisen lassen. In Norwegen stellte man fest, dass seit der Anwendung von Marte Meo weniger Bewohnerlinnen  unter Knochenbrüchen litten, da die Pflegenden den alten Menschen mehr Zeit ließen, „in ihrem Körper anzukommen“. In Dänemark konnte nach Abschluss eines fünfjährigen Projektes nachgewiesen werden, dass die MitarbeiterInnen der beteiligten stationären Einrichtungen wieder mehr Freude an ihrer Arbeit empfanden und weniger krank waren. Auch das immer wieder spontan geäußerte Vorurteil, diese Vorgehensweise koste zu viel Zeit, konnte entkräftet werden: Marte Meo spart im Endeffekt Zeit. Denn es braucht z. B. nicht mehr zwei Personen, um einer als aggressiv bezeichneten Bewohnerin die Haare zu waschen oder sie anzuziehen. (Marte Meo Magazine 2005/2 (Vol.31))

„Was ist eigentlich Respekt  vor den alten Menschen?“

Den freundlichen Altenpfleger in meinem eingangs beschriebenen Beispiel kostete es einige Überwindung, mit der alten Dame so zu sprechen, wie er es nach eigenem Bekunden spontan mit einem kleinen Kind getan hätte. Verständlicherweise drückte er seinen Respekt durch ein erwachsenes Verhalten einem anderen Erwachsenen gegenüber aus.
Doch der Kontakt und die Kooperation mit an demenzerkrankte Menschen funktioniert überwiegend auf der emotionalen Ebene. Und es ist letztendlich auch nicht respektvoll, Menschen zu fragen, die nicht mehr antworten können. Es verwirrt und beschämt sie.

Auch die Idee, alte Menschen mit dem Nachnamen anzusprechen, ist als Zeichen des Respekts gedacht. Aber vor allem verheiratete Frauen verbinden mit ihrem Ehenamen in einem bestimmten Stadium der Erkrankung nichts mehr, während sie sich mit ihrem Vornamen nach wie vor angesprochen fühlen. Das ist auch Teil des Validationansatzes für Demenzkranke in der Altenpflege.

Ähnlich wie sehr kleine Kinder haben Demenzkranke zunehmend keine Modelle zur Verfügung. Wir haben für alle Verrichtungen des täglichen Lebens Modelle, z.B. das Modell: "Zähneputzen" oder das Modell: "Essen". Die bloße Anweisung: "Putzen Sie sich noch die Zähne", ergibt keinen Sinn mehr für viele Demenzerkrankte. Irgendwann ist auch das Essen auf dem Teller vor ihnen verwirrend und sie wissen den nächsten Schritt (z. B. Gabel in die Hand nehmen) nicht mehr.

Und ähnlich der kleinen Kinder sind sie unsicher und brauchen Orientierung (durch Benennen des nächsten Schrittes) und Sicherheit (durch ein freundliches Gesicht und Bestätigung).

Um die Bewohner, die Angehörigen, die Patienten zu verstehen und ihre "innere Welt" kennen zu lernen, können wir ihren Initiativen folgen. Um ihre Isolation zu durchbrechen, können wir ihre Initiativen benennen: "Ah, Sie schauen dem Vogel nach (der am Fenster vorbeifliegt)." Oder wir wiederholen ihre Töne oder die Sprachversuche, wenn sie mehr und mehr an Sprache verlieren und wir ihr Sprechen daher immer weniger verstehen. Das ist für sie das Signal, dass sie gesehen werden, beachtet und wertgeschätzt.
Das freundliche Gesicht bestätigt ihnen, dass wir gern mit ihnen zusammen sind, dass sie liebenswert sind. Es gibt ihnen wieder etwas mehr Selbstvertrauen.

Die klare Leitung : "Hier können Sie sich hinsetzen" zu einem frühen Zeitpunkt verhindert, dass man korrigieren muss: "Nein, nicht dahin, da kann man nicht sitzen!" was die alten Menschen zusätzlich verunsichert und frustriert.

Angehörige, aber auch Pflegekräfte treffen häufig auf kranke Menschen, die nicht kooperieren, sich verweigern und provozieren. Sich einzuleben in die Welt der Dementen, Pflegekräfte und Angehörige zurückzubringen zur inneren Welt des anderen, das gelingt mit dem Lesenlernen der Bedürfnisse und der Gefühle auf Videobildern.
Aber neben dieser immer weiter wachsenden Personengruppe sind diese Fähigkeiten auch hilfreich im Umgang mit Menschen nach einem Schlaganfall, in einem Lock-in-Syndrom, geistig behinderten Patienten und Bewohnern und Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen.

Ab August 2010 beginnt im Seniorenzentrum am Haarbach, Aachen, ein neuer Ausbildungsgang zum Practitioner (sechstägige, häufig innerbetriebliche Fortbildung). Drei Mitarbeiterinnen des Zentrums befinden sich zurzeit in der Ausbildung zum Supervisor (Ausbildung und Training von Practitioner und Therapeuten).

Das Seniorenzentrum am Haarbach - eine realistische Alternative im Pflegenotstand?

Das Seniorenzentrum am Haarbach, ein Haus mit 130 Angestellten, ist die erste stationäre Einrichtung in Deutschland, die konsequent ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Marte Meo fortbildet. Und zwar ohne Ausnahme, die Reinigungskräfte genau so wie die Pflegekräfte und die sogenannten Alltagsbegleiter.

Der Einrichtungsleiter Christoph Venedey ist der Überzeugung: es geht in der Altenpflege um die innere Welt der alten Menschen. Gutes Personal zu bekommen, findet er nicht schwer. Sein Zentrum zieht mittlerweile Interessierte aus vielen Lebensbereichen an: Studenten, Praktikanten, Mütter mit erwachsenen Kindern, Hausfrauen aus Haarbach. Er schaut anders: Passt der Mensch zu uns, hat er Herz? Dann macht er/sie zwei Monate Praktikum und wenn es passt, wird er/sie ausgebildet.

Die Reinigungskräfte spielen eine bedeutende Rolle im sozialen Gefüge einer Einrichtung. Herr Venedey berichtet von einer russischen Bewohnerin, die in ihrem Berufsleben selber als Reinigungskraft gearbeitet hat. Sie ließ die Reinigungsfrauen nicht in ihr Zimmer, wollte selber putzen. Da entsann sich eine der Frauen der Marte Meo Fortbildung: „Ich dachte an Marte Meo und „Initiativen folgen“ und bot der Bewohnerin an, das Zimmer mit ihr gemeinsam zu putzen“. Und damit war diese einverstanden.

Auch bei einer kriegstraumatisierten älteren Dame führte die Marte Meo Kommunikationsunterstützung dazu, dass diese die Pflegekraft ganz nah an ihren Körper ließ. Der Sohn, der die Pflegesituationen bis dahin als äußerst  belastend für die Mutter erlebt hatte, war sehr berührt.

„Die Grundhaltung aller, die hier im Zentrum arbeiten, ist folgendermaßen: Ich lächle mal,  ich gucke mal, das kostet ja nicht mehr Zeit“ bringt Christoph Venedey die beiden wichtigen Marte Meo Elemente „freundliches Gesicht“ und „Initiativen erkennen“ lässig auf einen einfachen Nenner. Doch im Nachsatz  bekräftigt er, was Maria Aarts auch den Teilnehmern auf der Tagung erklärte: „So einfach ist Marte Meo –  das denken viele. Aber Picasso hat 20 Jahre im Detail gezeichnet, um dann hinterher mit einem Strich den Vogel zu malen. So ähnlich ist das auch mit Marte Meo –  ich habe 20 Jahre gebraucht, um es so einfach zu machen.“

„Marte Meo spart Zeit, absolut“ betont auch die Pflegedienstleiterin Marcena Jura. „ Bei dem abwehrenden Verhalten, da sind wir früher dann schon mal aus dem Zimmer gerannt, 10 Minuten später wiedergekommen, dann kriegte man eine mit der Zeitung. Marte Meo ist das ideale Instrument, das merken die Leute mittlerweile auch, dass sie schwierige Situationen gut meistern.“

Seit 2004 baut Christoph Venedey und seine Mitstreiterinnen das Haus zu einem außergewöhnlichen Pflegezentrum um. „Langsam fahren wir die Ernte ein“, sagt er nicht ohne Stolz, „man muss Geduld haben und Liebe zum Prozess“.

Marcena Jura befindet sich in der Ausbildung zur Supervisorin. Die AOK Aachen hat sie gebeten, Marte Meo Schulungen für Angehörige zu entwickeln. Die Krankenkasse finanziert die Entwicklung und die Kurse, weil sie feststellen konnte, dass im Seniorenzentrum deutlich weniger Krankenhausaufenthalte nötig sind, weniger Medikamente gebraucht werden und weniger Stürze passieren. Es liegt also in ihrem eigenen Interesse, diese messbar erfolgreiche Methode zu unterstützen. Aber auch „menschlich“ seien seine Ansprechpartner in der Krankenkasse begeistert gewesen, berichtet Christop Venedey.

„Wie hilft man anderen Leuten, das Beste aus dem Leben zu holen?“

Die enge Zusammenarbeit mit Maria Aarts seit 2006 wird jetzt ihren Niederschlag in einem Buch für Angehörige von Demenzerkrankten finden, das Maria Aarts mit Christoph Venedey erstellen wird. „Wie hilft man anderen Leuten, das Beste aus dem Leben zu holen“ sei die Fragestellung des Handbuches, das auch eine der bewährten Checklisten zu Kooperation enthalten wird.

Ein wahrhaft großes Thema. Aber ein letztes Beispiel aus Maria Aarts Tagungsvortrag macht deutlich, dass der Anspruch erreichbar ist. Maria Aarts spricht respektvoll von der großen Bedeutung der Angehörigen als den „Kreisen der Liebe“. Die Angehörigen hätten die Energie, die Liebe und oft auch die Zeit, sich angemessen um ihre Lieben zu kümmern – aber ihnen fehlten häufig die Informationen. Wir sehen einen alten Mann nach einem Schlaganfall im Krankenhaus, der unbedingt nach Hause möchte. Seine Frau möchte ihm diesen Wunsch gern erfüllen, traut sich aber die Versorgung ihres Mannes nicht zu. Im Krankenhaus bieten Marte Meo Therapeuten ihr ein Training an, wie sie ihren sprachbehinderten und wesensveränderten Mann neu kennen lernen kann. Und wie sie erkennen kann, was ihr Mann braucht. Als Endergebnis sehen wir das Paar in einem weiteren Film gemeinsam am häuslichen Frühstückstisch, beide sehr zufrieden. Das Training hat ihnen geholfen, das Beste aus dem Leben zu holen.
 

Sonja Schlegel